Otto Reutter

Otto Reutter (1870-1931)

Otto Reutter (1870-1931)

Als Otto Pfützenreuter wurde er am 24. April 1870 in Gardelegen geboren.
Über die Zeit, die dem Besuch der Volksschule folgte, berichtet Reutter in seiner Selbstbiographie: ,,Wollte zum Theater – Krach mit dem Vater – Kaufmann gelernt – heimlich entfernt”
Es folgten Wander- und Lehrjahre, in denen Reutter als Bühnenarbeiter, Aushilfsdichter und Direktor eines Tingeltangels das Theater in all seinen Schattierungen, bis hin zur ,,Schmiere”, kennenlernte. Vielfach der Not gehorchend, verfasste er bereits während dieser Zeit kleine Theaterstücke und erprobte seine Fähigkeiten als Vortragskünstler selbstverfasster Couplets.

Ein Engagement am Berliner Apollo-Theater verhalf dem 25jährigen zum Durchbruch. Seine geistsprühenden, aktuellen Couplets und seine Art aufzutreten unterschieden ihn so sehr von dem damals üblichen ,,Kittneesen-Komikern”, daß die Berliner erst erstaunt und verblüfft waren, dann aber begeistert dem rundlichen Wuschelkopf auf der Bühne zujubelten. Augenzeugen wissen zu berichten: ,,Reutter hatte sich nicht komisch kostümiert, war kaum geschminkt, trat dicht an die Rampe, legte die Hände über den Bauch und sang, ohne eine Bewegung zu machen, seine Couplets. Eins besser als das andere. Deftig, urwüchsig, witzig. – So etwas hatte man noch nicht erlebt”

Reutters Monatsgagen erreichten bald Carusosche Höhen. Sein Fleiß blieb indes der gleiche. Als Reutter am 3. März 1931 starb, hinterließ er über tausend mehrstrophige Couplets. Reutters künstlerische Begabung fand im kommentierenden, glossierenden und satirischen Couplet ihren unverkennbar eigenen Ausdruck Die Perfektion seines Schaffens anerkannte Tucholsky 1921 in der ,,Weltbühne” mit den Worten: ,,Alles geht aus dem leichtesten Handgelenk, er schwitzt nicht, er brüllt nicht, er haucht seine Pointen in die Luft, und alles liegt auf dem Bauch. Ein Refrain immer besser als der andre – wie muß dieses merkwürdige Gehirn arbeiten, daß es zu jeder lustigen Endzeile immer noch eine neue Situation erfindet Und was für Situationen!”

Reutters schöpferische Unruhe, den großen und kleinen Begebenheiten auf der Spur zu bleiben, äußerte sich im ständigen Austauschen alter gegen neue aktuelle Verse. So manches Ereignis des Tages fand sich am Abend in einer Couplet-Strophe wieder.

 

Otto Reutter und seine 2.Gattin Evi Bendrin

Otto Reutter und seine 2.Gattin Evi Bendrin

Chronologisch geordnet, vermitteln Reutters Couplets aufschlussreiche Einblicke in das gesellschaftliche Leben der Zeit wilhelminischer Hochkonjunktur. Im Unterschied zu Kabarettisten wie Rudolf Nelson u. a., die überwiegend für das Amüsement der mondänen Welt schrieben, wandte sich Otto Reutter mehr den alltäglichen Ereignissen und dem Leben der werktätigen Schichten zu. Wenn er in Herr Neureich” bissig und satirisch die Borniertheit des emporgekommenen Bouillon-Fabrikanten enthüllt oder in anderen Couplets auf die herrschende Wohnungsnot, auf Steuererhöhungen anspielt und die ständigen Kabinettsumbildungen glossiert, so kam er damit dem Denken und Fühlen des werktätigen Volkes entgegen. Aus anderen Couplets spricht die Humanität des Künstlers Otto Reutter, sein Streben, dazu beizutragen, daß sich die Beziehungen der Menschen untereinander menschlicher gestalten, ihnen zu helfen, veraltete Moralauffassung und Lebenshaltungen heiter zu verabschieden. Hinter dem, was da abläuft wie Wasser einen Berg herunter und gar nicht anders heißen kann – um mit Tucholsky zu sprechen -, verbirgt sich tiefe Menschenkenntnis und die einmalige Gabe, Aufgenommenes in Form eines humoristischen oder nachdenklich stimmenden Couplets wiederzugeben. Sei es der Gewissenhafte Maurer”, der Blusenkauf” oder die Aufforderung Nehm’ Se’n Alten” – es gab kein Thema, das Reutter nicht auf seine originelle Art umzusetzen verstand.

Wenn er uns auch nicht mehr gegenübertreten kann: Seine Stimme, seine Texte und seine Musik weisen ihn nicht nur als den Klassiker des aktuellen zeitkritischen Couplets zwischen 1895-1930/31 aus, sondern sie erfreuen uns heute nicht minder. – Und Otto Reutter? Könnte er diese Zeilen lesen, würde er die Hände über den Bauch falten, den Kopf schütteln und singen: ,,lck wunder mir über janischt mehr.”

Quelle: www.otto-reutter.de